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Fairness – was ist das eigentlich?

 

Faire Unternehmen, Fairplay, Fair Trade… Das Wort fair ist in aller Munde. Und ja, ich nutze es auch, um zu beschreiben, was mir wichtig ist. Doch was macht uns eigentlich so sicher, dass wir nicht mit tiefer Überzeugung aneinander vorbeireden?

 

H&M ist unfair. OTTO ist fair.

 

Was es mit diesen kryptischen Aussagen auf sich hat, werde ich ein paar Absätze später auflösen. Doch zunächst möchte ich zwei kleine Geschichten erzählen.

Fairness im Auge des Betrachters

 

Als ich 2012 das erste Mal in Argentinien war, brachten mich zwei Dinge zum Staunen. Bei allen Problemen, die das Land begleiten: Öffentliche Schulen, Universitäten und Krankenhäuser sind komplett kostenfrei. Zu Bildung und Gesundheit, zu dem – wie ich meine – Wichtigsten im Leben hat absolut jeder Zugang. Das ist fair, dachte ich, und bestätigte damit eine der möglichen Bedeutungen von Fairness im Sprachgebrauch: Alle haben die gleichen Möglichkeiten, niemand wird ausgeschlossen, niemand wird bevorzugt.

Dann saß ich beim Arzt. Die Ausstattung in den öffentlichen Krankenhäusern lässt sich nicht unbedingt mit den privaten oder mit den an die verschiedenen Krankenkassen angeschlossenen Einrichtungen vergleichen. Aber die Versorgung ist gut. Ich wurde gratis behandelt, man gab mir ohne weiter zu fragen Medikamente für mehrere Wochen. Als ich ging, schaute ich noch einmal zu den anderen Patienten: Mütter mit Kindern auf dem Schoß, Rentner, Menschen, die sichtlich ärmer waren, als ich. Ich fühlte die Tabletten in der Jackentasche: War das jetzt wirklich fair?

Fair? Die Renten reichen oft nicht zum Leben

Die argentinischen Renten sind erschreckend niedrig. Miete und Stromkosten übersteigen bereits häufig das Monatseinkommen. Dazu kommt, dass zahlreiche Medikamente weder vom Staat, noch von den Krankenkassen bezahlt werden. Dieser Mann hier verkauft Taubenfutter, um über die Runden zu kommen.

Gleichheit

 

Fairness und Gleichheit werden gern verwechselt. Vermutlich auch, weil es einfacher ist, jedem einfach das Gleiche zukommen zu lassen, als sich Gedanken um unterschiedliche Bedingungen und Bedürfnisse zu machen. Doch es ist eine Verwechslung: Fair und gleich haben nur ansatzweise etwas miteinander zu tun.

Vor gut einem Jahr sorgte eine Nachricht für hitzige Diskussionen in Buenos Aires. In einem etwas rauheren Viertel der Hauptstadt, La Boca, wurde ein US-amerikanischer Tourist bei einem Raubüberfall niedergestochen. Mit zehn Stichwunden wurde er sofort ins nahegelegene Krankenhaus Argerich gebracht und notoperiert. Dieser Eingriff, für den er in seiner Heimat möglicherweise -zigtausend Dollar hätte zahlen müssen, kostete ihn in Argentinien keinen Cent.

„Wie unfair ist das denn?“, sagten die Einen. „Wenn wir in die USA reisen würden, müssten wir eine teure Krankenversicherung abschließen. Und er bekommt von unseren Steuergeldern alles für lau. „“Nur fair“, sagten die Anderen: „Wenn einer von uns diesen Mann fast umbringt, dann ist es ja wohl das Mindeste, dass wir ihm das Leben retten und ihn wieder gesund pflegen.“

 

Gerechtigkeit

 

Fairness wird im Spanischen mit “Justicia” – Gerechtigkeit – übersetzt. Und ist es nicht auch genau das, was wir damit meinen? Das ist unfair! Das ist ungerecht. Es hat nicht unbedingt etwas mit Gleichheit in der Behandlung zu tun. Niemand würde allen Ernstes von Fairness sprechen, wenn ein zehnjähriger Ladendieb vor Gericht die gleiche Strafe erhielte wie ein vierzigjähriger Mörder.

Joe Wolek hat niemandem etwas weggenommen, als er operiert wurde. Er hatte einfach Glück. Das nächstgelegene Krankenhaus war zufällig ein öffentliches. Wäre er in einem privaten Institut gelandet, wäre es auch für ihn teuer geworden. Doch Glück und Fairness hängen nicht unbedingt zusammen.

Trotzdem regten sich sehr viele Menschen auf. Denn die empfundene Ungerechtigkeit geht über die aufgewendeten Steuergelder hinaus: Amerikanische Touristen gelten per se als reich. Die USA gehört zur “ersten Welt”, Joe konnte sich einen Urlaub und einen teuren Flug leisten. All das sind Privilegien, die sich nur wenige Argentinier gönnen können. Und dieser Joe nimmt also das Wenige, was ihnen zur Verfügung steht, auch noch ohne Gegenleistung in Anspruch.

 

Gerechte Verteilung

 

Das ist etwa der Gedanke, den auch ich im Krankenhaus hatte. Es ist eine Unfairness, die ihren Ursprung schon in einer anderen Ungerechtigkeit hat: Dieser Joe kann sich ein Leben leisten, das den meisten Argentiniern verwehrt ist. Mehr noch: Sie werden bei aller Anstrengung niemals diesen Lebensstandard erreichen. So wäre es doch nur fair, wenn derjenige, dem mehr zur Verfügung steht, auch mehr geben müsste. Oder zumindest weniger erhalten. Hier geht es um Verteilungsgerechtigkeit.

Fair? Das größte Elendsviertel von Buenos Aires gleich neben den Glastürmen der Superreichen

Die Villa 31 in Buenos Aires. Das größte Elendsviertel der Stadt. Gleich neben den Glitzertürmen der Superrreichen.

Belohnung

 

Und es kommt noch ein weiterer Aspekt dazu: Joe ist mit hoher Wahrscheinlichkeit weder schlauer noch fleißiger als die Mehrheit der Argentinier. Er hatte einfach nur das Glück, in anderen Land geboren worden zu sein. Er hat sich seine Privilegien nicht durch besondere Leistungen verdient. Wofür wird er belohnt? Wie unfair!

Gleichbehandlung, gerechte Belohnung oder Bestrafung, und der Ausgleich von Vor- und Nachteilen: Das sind die unterschiedlichen Aspekte, wenn wir von Fairness reden.

 

Aber was sind faire Unternehmen?

 

H&M ist es auf gar keinen Fall, IKEA nicht und Shell schon gar nicht. Woher ich diese dreiste Behauptung nehme? Die Fairness-Stiftung in Frankfurt zeigt in ihrem Fairness-Check wie ernst es Unternehmen mit ihren Fairness-Versprechen gegenüber

  • ihren Mitarbeitern
  • ihren Kunden
  • der Umwelt
  • der Öffentlichkeit und auch
  • ihrer Konkurrenz nehmen.

 

Billig und unfair

 

H&M – auf Platz 1 der unfairen Unternehmen – schreibt die Fairness-Stiftung folgende Merkmale zu:

  • Müttern mit Kindern würde die Arbeit unnötig erschwert.
  • Die von H&M vertriebenen Produkte seien nicht nachhaltig.
  • Mit unfairen Personalkostensenkungen gehe H&M in einen Preiskampf mit der Konkurrenz.
  • Mangelfreie Textilien würden massenhaft verbrannt.
  • Die Öffentlichkeit würde durch Intransparenz und die Verweigerung von Antworten im Unklaren über die Textilherstellung gelassen.

Fair? Auch in Buenos Aires leben viele Menschen von den Abfällen, die sie auf den Müllhalden finden

Auch in Buenos Aires leben Menschen von den Abfällen der Müllhalden. Die Regierung öffnet „großzügig“ zwei Stunden am Tag den Zugang zu den Deponien. So können die Jungen und Männer nach abgelaufenen Lebensmitteln, Kleidung oder Kupfer suchen.

Woran macht die Fairness-Stiftung ihre Einschätzung fest?

 

Die Fairness eines Unternehmens wird demnach noch einmal unter einem anderen Blickwinkel beurteilt. Für die Fairness-Stiftung sind das kurzgefasst vier Aspekte:

  • Achtung und Respekt jedem einzelnen Menschen gegenüber – ohne jedwede Diskriminierung
  • der Ausgleich unterschiedlicher Neigungen, Möglichkeiten und Ziele
  • der wechselseitige Beachtung förderlicher Regeln im Umgang miteinander und im Verhältnis zwischen Menschen, Organisationen und Medien sowie
  • soziales, ethisches und ökologisches Unternehmenshandeln

Die GLS-Bank, die nach eigenen Aussagen „die erste sozial-ökologische Universalbank der Welt“, rankt im Fairness-Check auf Nummer eins. Die Bank befindet sich in einem offenen Austausch mit ihren Kunden, die dies mit einer überdurchschnittlichen Kundenzufriedenheit honorieren. Sie geht sowohl mit ihren Mitarbeitern als auch mit ihren Wettbewerbern respektvoll um, Konflikte werden fair ausgetragen. Vor allem aber ist die Bank sehr stark auf soziale, integrative und ökologische Projekte ausgerichtet. Es handelt sich um das entscheidende Auswahlkriterium bei der Kreditvergabe durch die GLS.

Daher trägt die GLS nach Ansicht der Fairness-Stiftung die Bezeichnung “erste sozial-ökonomische Universalbank der Welt” nur zu Recht. Im Jahr 2011 erhielt sie den Deutschen Fairness Preis.

 

Zeige der Welt, dass Ethik und Erfolg zusammengehören

 

Dazu möchte ich meine Kunden immer wieder auffordern. Faire Unternehmen, die ich unter anderem mit lesenswerten Branding-Stories sichtbar mache. Meine Vision ist, dass faire Arbeitgeber, Anbieter und Wettbewerber eines Tages die Unternehmen vom Markt verdrängen, die ohne Skrupel nur auf satte Gewinne aus sind.

Wie das Beispiel der GLS-Bank zeigt, führt das transparente Verhalten der Bank zu einer außergewöhnlichen Kundenzufriedenheit. Und während die Arbeitnehmer bei H&M die Arbeitsbedingungen sogar überwiegend als psychisch und emotional schädigend bezeichnen, wurde dem Unternehmen tegut…, auf Platz zwei der fairen Unternehmen, sogar mehrfach der Preis “Great Place to Work” verliehen.

Zufriedene Kunden, motivierte Mitarbeiter. Das ist die Mischung, aus denen Unternehmenserfolge entstehen. Schon 2016 veröffentlichte die Wirtschaftswoche einen Bericht, nach dem nachhaltig wirtschaftende Unternehmen lang-, aber auch kurzfristig erfolgreicher sind als ihre von Analysten und Aktionären getriebenen Wettbewerber. So würden BMW, SAP und Siemens regelmäßig die internationalen Nachhaltigkeitsrankings anführen.

 

Ethik und Erfolg gehören zusammen. Man kann es gar nicht oft genug schreiben.