Intuition und Führung

Intuition und Führung

Zugegeben: Die Wörter Intuition und Führung wirken im gedanklichen Zusammenhang eher ungewohnt. Kein Wunder, gilt es doch in der Unternehmenswelt noch immer als Best Practice, eine Aufgabe auf rein rationaler Basis anzugehen. Der Kopf analysiert, der Kopf entscheidet. Zahlen und Fakten bieten ein scheinbar festes Fundament. Doch haben Sie nicht auch schon einmal gegen ihren „Bauch“, gegen ihr Gefühl gehandelt – und am Ende gesagt: „Ich wusste es doch!“? Genau dieses sogenannte Bauchgefühl ist nichts anderes, als die populäre Umschreibung des Phänomens Intuition.

„Die Intuition ist ein göttliches Geschenk, der denkende Verstand ein treuer Diener. Es ist paradox, dass wir heutzutage angefangen haben, den Diener zu verehren und die göttliche Gabe zu entweihen.“

Diese Worte stammen von keinem geringeren als Albert Einstein, einem der historisch bedeutendsten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Physik. Und auch die Physik lässt sich zunächst nur schwer mit dem Begriff der Intuition in Einklang bringen: Auf der einen Seite stehen exakte Messungen und durchdachte Formeln – auf der anderen Seite stehen oft nur vage Ahnungen und Empfindungen.

 

 

Ein kurzer Blick in die Forschung

 

Methoden, mit denen Entscheidungen auf der Basis harter Fakten getroffen werden, gelten dem Großteil der Menschen als besonders verlässlich. Sie haben allerdings einen entscheidenden Nachteil: Sie erfordern einen überschaubaren Sachverhalt, eine klare Analyse und einige Zeit. Doch in komplexen Situationen oder dann, wenn eine schnelle Entscheidung getroffen werden muss, ist ein Rückgriff auf unsere Intuition das Mittel der Wahl. Denn unser „Bauchgefühl“ signalisiert ungleich schneller als unsere Ratio, was uns richtig erscheint. Der Psychologe Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut streicht deshalb – ebenso wie Albert Einstein – heraus:

„Man vergisst, wie wichtig Intuition ist, und wie wichtig einfache Regeln sind, die wir Heuristiken nennen, auf denen Intuition offenbar basiert, um in einer unsicheren Welt umzugehen“.

Eric Berne, ein US-amerikanischer Arzt formulierte es so: „Eine Intuition ist Wissen, das auf Erfahrung beruht und durch direkten Kontakt mit dem Wahrgenommenen erworben wird, ohne dass der intuitiv Wahrnehmende sich oder anderen genau erklären kann, wie er zu der Schlussfolgerung gekommen ist.“

Das zeigt einen ganz entscheidenden Faktor bei der Entscheidungsfindung: Intuition funktioniert nur dann, wenn die Menschen dabei auf einen möglichst großen Schatz aus Wissen und Erfahrung zurückgreifen können. Denn auch die Intuition ist keine Hellseherei. Sie nimmt direkt Zugang zu unserem Unterbewusstsein. Daher ist sie nur zuverlässig, wenn sie aus dem Vollen schöpfen kann.

Einstein Forscher

Führungserfolge – worauf kommt es an?

 

Die Menschen vor allem sind es, auf denen der Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens beruht. Die Führungskräfte und die von ihnen angeleiteten Mitarbeiter. Somit sind zweifellos die Motivation der im Unternehmen Tätigen sowie deren Leistungsfähigkeit entscheidende Erfolgsfaktoren. Erreicht wird dies durch optimale Führung.

„Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ (A. Saint-Exupery)

Damit die Menschen in einem Unternehmen ihren eigenen Beitrag am Unternehmenserfolg verorten können und vor allem die notwendige intrinsische Motivation entwickeln können, die sie auch langfristig leistungsbereit hält, muss die Leitungsebene eines Unternehmens Führungskräften und Mitarbeitern eine solide und motivierende Vision geben. Die Führungskräfte des Unternehmens müssen klare Ziele und Rahmenbedingungen definieren und die Mitarbeiter befähigen und fördern, damit ihr volles Potential für das Unternehmen genutzt werden kann. Eine Vorgehensweise, die sich starr nach Manualen richtet, mit engen Regeln, Handlungsanweisungen und Sanktionen, kann durchaus kurzfristig zum Ziel führen. Die Führungsmethode des Taylorismus im 19. / 20. Jahrhundert hielt sich an diese Prinzipien – mit der Folge vollständiger Entfremdung von der Arbeit und praktisch nicht mehr vorhandener Flexibilität. Der extreme Gegenpol – der Laissez-Faire-Führungsstil – gibt den Mitarbeitern zwar maximale Eigenverantwortung und Freiheiten, doch führt das mangelnde Feedback auch hier bald zu einem Verlust der Motivation. Menschen brauchen Anleitung, Früherkennung und Intuition, Eigenverantwortung, Freiheit und Grenzen. Dieses Spannungsfeld adäquat abzustecken, liegt in der Verantwortung einer jeden Führungskraft.

 

Intuition als Wegweiser im Führungsalltag

 

Zur adäquaten Anleitung bzw. Führung von Menschen im Hinblick auf ein gesetztes Ziel gehört es auch, Entscheidungen zu treffen. Je nachdem, welchen Zeithorizont und welche Komplexität die Fragestellung aufweist, bietet sich eine rationale Herangehensweise oder eine intuitive Herangehensweise an. Wie schon beschrieben, ist die Intuition sehr gut geeignet, wenn eine Entscheidung unter Zeitdruck getroffen werden muss und der Entscheider über ein großes Wissen verfügt. In anderen Fällen bietet sich oft die rationale Vorgehensweise an. Und es gibt noch eine dritte Ausgangslage, in denen Entscheidungen seitens der Führungsebene unabdingbar sind: Wenn es darum geht „…die Sehnsucht nach dem großen weiten Meer…“ zu lehren. Eine mitreißende Vision zu erschaffen.

Experten gehen davon aus, dass vor allem Entscheidungen von großer unternehmerischer Tragweite grundsätzlich eher intuitiv getroffen werden. Hier, wo es von der Routine wegführt zur schöpferischen Arbeit, wo es darum geht, sich gedanklich in die Zukunft und auf völlig neues Terrain zu begeben, lassen sich oft rationale Fakten nicht mehr für die Entscheidungsfindung heranziehen. Es ist der Moment, in dem kreatives Gespür und „Bauchgefühl“ gefragt sind. In der Erarbeitung von Visionen und Strategien greifen Führungskräfte bewusst oder unbewusst auf ihre Intuition – „das göttliche Geschenk“ – zurück, während sie operative Entscheidungen vorwiegend rational treffen.

 

Zwischen Verstand und Intuition: Die Walt-Disney-Methode

 

Zu einem Thema grenzenlos-intuitiv Träume zu entwickeln und sie gleichzeitig kritischrational zu prüfen muss kein Widerspruch sein. Es ist vielmehr die in die Praxis umgesetzte Empfehlung, im Unternehmensalltag sowohl die intuitive Stimme als auch die rationale Sichtweise einzusetzen. Bei der Walt-Disney-Methode nach Dilts wird der Coachee zunächst in einen Zustand versetzt, der es ihm erlaubt, zu seinem intuitiven Wissen Zugang zu finden und den rationalen Verstand für einen Moment auszuschalten. Er ist nun in der Lage, groß, ohne Grenzen und ganz „verrückt“ seinen Traum zu entwickeln, ohne bereits in eine gedankliche Selbstzensur zu gehen. Im zweiten Schritt wird seine Ratio angesprochen, die objektiv denkbare Wege finden soll, das Erträumte umzusetzen. Erst im dritten Schritt wird ein autokritischer Denkprozess in Gang gesetzt, in dem vor allem die Umsetzung des Traums durch den Coachee Punkt für Punkt auf Umsetzbarkeit und Risiken hinterfragt wird.

Die Ergebnisse der vorgenannten Stationen „Träumer“, „Denker“ und „Kritiker“ stellen allesamt Erfahrungswerte dar, die nun im Bewusstsein und Unterbewusstsein des Coachees vorhanden sind. Auf diesen Erfahrungswerten setzt eine neue, intuitive Annäherung an das Thema auf. Der Coachee wird erneut durch alle drei Stufen des Entwicklungsprozesses geführt. So lange, bis eine für ihn stimmige und umsetzbare Strategie entwickelt wurde.

Das Instrument stellt eine sehr wirksame und effektive Methode der Strategieentwicklung dar, deren wichtigstes Element der intuitive Entwicklungsprozess ist. In der Praxis zeigt sich oft, dass gerade die intuitive Herangehensweise zunächst von den Führungskräften mit Skepsis betrachtet wird. Im laufenden Prozess weckt dieses spielerische Vorgehen jedoch Freude und die nötige Kreativität, um hemmende Barrieren aufzulösen und sich ein visionäres Denken zu erlauben. Die Ergebnisse sind oft beeindruckend.

 

Fazit

 

  • Es ist für Unternehmen ausgesprochen bereichernd, die rationale Entscheidungsfindung durch den Einsatz der Intuition zu ergänzen. Vor allem Führungskräfte in höheren Managementebenen sollten für die Entwicklung der Unternehmensvision und der Unternehmensstrategie intuitive Entscheidungsprozesse bewusst erlauben
  • Der Einsatz spezieller Methoden, die den Zugang zur Intuition fördern und beschleunigen, kann eindrucksvolle Ergebnisse im Planungs- und Entscheidungsprozess erzielen.
  • Die bislang noch bestehende Skepsis vieler Unternehmer und Führungskräfte gegenüber dem intuitiven Entscheidungsprozess wird sich im Laufe der Zeit verringern. Der bewusste Einsatz intuitiver Methoden in der Coaching-Arbeit kann einer veränderten Sichtweise Vorschub leisten.

 

Lehren und Lieben in einem Elendsviertel 2018

Lehren und Lieben in einem Elendsviertel 2018

Zu den großen Sommerferien an Weihnachten 2015 musste ich meine Arbeit mit den Kindern in der Villa Retiro unterbrechen. Ich pendelte zwischen Berlin und Buenos Aires, lernte die Tücken des argentinischen Wohnungsmarktes kennen, verliebte mich, wurde krank, machte mich selbständig… und dann, Mitte 2018, war wieder ein Platz in einem Projekt frei. Ein anderer Comedor, andere Kinder, aber es war weiterhin das Elendsviertel neben dem Hauptbahnhof Retiro. Viele der Nachbarn erkannten mich wieder, und so bewegte ich mich weiterhin völlig unbehelligt und ohne Angst in der Villa Miseria 31. Der 19. August war ein ganz besonderer Tag: Am argentinischen Kindertag versammelten wir die Kinder aus allen Projekten des Viertels, um mit ihnen ein Fest zu veranstalten. Und wer stand da vor mir? Mein Ismael, aus dem inzwischen ein toller kleiner junger Mann geworden war.

 

Mädchen in Elendsviertel Buenos Aires Voluntarios sin Fronteras

Das Wiedersehen mit Ismael

Er war der Größte unter allen Kindern, meine ich. Aber vielleicht kam es mir auch nur so vor. Ich erkannte ihn sofort wieder. An seinen Strubbelhaaren, dem coolen Gang. Wie immer suchte er sich etwas abseits der anderen einen Platz. Doch im Gegensatz zu damals legte er nicht den Kopf zwischen die Hände. Nein, er nahm sich ein Blatt Papier und fing an zu malen. Nach einer Weile setzte ich mich zu ihm. Ich traute meinen Augen kaum. Er war dabei, eine Anime-Figur zu zeichnen. Aber so gekonnt, dass sie direkt aus einem Film hätte stammen können. In seinem Blick lag eine Mischung aus Schüchternheit und Stolz, als ich ihn bat, sie mir einmal zu zeigen. Ich fragte ihn, ob er mich wiedererkenne. Nun, vor drei Jahren war ich deutlich schlanker gewesen, hatte längere und dunklere Haare. Er schaute mich lange an und grinste ein bisschen verlegen. Dann schüttelte er unmerklich den Kopf. Ich erzählte ihm von unserer gemeinsamen Zeit vor drei Jahren. Wie wir zusammen in die Kinderrepublik nahe der Stadt La Plata gefahren waren. Es war unser Ausflug zum Jahresende, den wir traditionell kurz vor den großen Ferien mit allen Kindern aller Projekte unternehmen.

La Plata – das Geld

Es war schwierig gewesen damals, denn so schön die Kinderrepublik – so eine Art Mini-Disneyland, das unter Eva und Domingo Perón in den 60er Jahren errichtet wurde – auch war, einige Attraktionen hatte man in diesen Tagen bezahlen müssen. Und wir hatten kaum noch Geld. So hatten wir die Kinder zu einer Fahrt mit einem Go-Kart einladen, verschiedene Lehrprojekte besuchen lassen, und ein Picknick veranstalten können. Aber in den kleinen Tierpark in der Mitte der Kinderrepublik hatte man uns nicht hereingelassen. So teuer war der Park nicht gewesen. Aber wir waren mit drei vollbesetzten Schulbussen angereist, und niemand von uns hatte die Möglichkeit, den Eintritt für alle Kinder zu bezahlen. Die meisten Kinder hatten sich an den Zaun gepresst und die Guanakos bestaunt. Aber mein kleiner Ismael war losgerannt, hatte sich an einen Baum gekauert und bitterlich geweint. und ich hatte mich damals gefragt, wie oft er das wohl schon gehört haben mochte: „Nein, das geht nicht. Dafür haben wir kein Geld.“

Es zerriss mich. Ich hätte ihn so gerne an der Hand genommen und gesagt: Los wir beide gehen da jetzt rein. Aber das wäre natürlich nicht gegangen. Doch in Argentinien kann man ja über (fast) alles reden, und nach einiger Zeit hatten wir die Parkleitung überzeugen können, dass für diese Mädchen und Jungen aus dem Elendsviertel Villa 31 dringend einmal eine Ausnahme gemacht werden muss. Es war das Größte für die Kinder gewesen, Ziegen, Guanakos, Kaninchen zu sehen, zu riechen und, wenn keiner schaute, auch einmal ganz, ganz kurz anfassen zu können. Im Elendsviertel gibt es, soweit ich weiß, nur Hunde und Katzen.

Wo hatte ich nur das Foto?

Dass er geweint hatte, das erzählte ich Ismael natürlich nicht. Aber ich erzählte ihm von den Bildern, die er mir gemalt hatte und dem Foto, das ich noch immer von uns beiden hatte. Ich suchte lange auf meinem Handy. Und ich sah, je länger ich suchte, wie sein Gesicht einen immer ernsteren Ausdruck bekam. Was mag er gedacht haben? Noch so eine, die nur redet, aber gar nicht meint, was sie sagt? Schließlich fand ich das Bild und er konnte gar nicht glauben, wie klein er damals war. Er zeigte mir den ganzen Vormittag seine Zeichnungen und fragte mich immer wieder nach unseren Erlebnissen.

Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus

Einige Wochen später: Kurz vor den Sommerferien machen wir mit den Kindern erneut unseren Ausflug. Diesmal nicht nach La Plata, sondern in ein Kino in Puerto Madero, ganz in der Nähe. Puerto Madero ist das wohl teuerste Viertel von Buenos Aires. Aus den obersten Stockwerken der Glitzertürme kann man den gesamten Rio de La Plata überblicken und die Küste von Uruguay sehen. Und natürlich auch das Elendsviertel, das sich praktisch nebenan befindet.

Wieder sah ich Ismael, wieder stand er abseits und wieder setzte er sich im Bus in die hinterste Ecke, allein. Ich hielt ein bisschen Abstand und schaute ihn an. Er schickte mir sein wohl coolstes „Komm her, Baby“. Dann schaute er wieder aus dem Fenster. Fünf Minuten, zehn? Auf einmal sagte er – ganz genau wie früher – „Bayern München hat gewonnen.“ Und dann erzählte mir ohne Luft zu holen, wer, wann, wo gespielt hat. Welche Mannschaft in welchem Jahr welche Weltmeisterschaft gewonnen, und gegen wen sie jeweils gespielt hatte. Ich weiß nicht viel von Fußball, wirklich nicht. Aber soweit ich es beurteilen konnte, lag Ismael immer richtig. Der Junge hatte ein Gedächtnis, dass ich aus dem Staunen nicht mehr herauskam! Was er denn einmal werden wolle, fragte ich ihn. Profifußballer in Europa.

Die Überraschung

Hotel Transsylvania wurde gezeigt. Wir hatten für die Kinder einen kleinen Kinosaal ganz für sie allein mieten können. Jeweils einmal Popcorn und Cola waren auch noch drin. So strahlende Augen! Nach dem Film rannten alle zum Wasser und bestaunten den Fluss und die Hochhäuser. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir geblieben sind. Das Wetter war wunderschön und wir hatten Zeit.

Krokodile und Kuschelmäuse in ernster Mission

Die letzten Projekttage wurden noch einmal ein bisschen ernster. Mit Kuschelkrokodilen und Plüschmäusen zeigten wir den Kindern, wie man sich gegen sexuellen Missbrauch wehrt. Mit Zeichentrickfilmen, wie man sich trotz der Drohungen einem Erwachsenen anvertraut und so zu Supermann oder Superfrau wird. „Neeeeiiiiiiiiin!“ schrien die Kleinen, wann immer die Maus dem Krokodil zu nahekam. Die beiden Psychologen, die den Tag begleiteten, waren zufrieden. Am Sonnabend darauf kamen sie noch einmal ins Elendsviertel, gaben jedem Kind ein Blatt Papier und baten es, seinen Namen darauf zu schreiben. „Nun malt einmal den schönsten Traum auf, den ihr je hattet.“ Ich male mit. Ein kleiner Junge an meiner Seite lässt das Blatt leer und flüstert mir zu: „Ich habe keine schönen Träume. Immer nur schlimme.“ Oh je! Danach forderten die Psychologen die Kinder auf, auf der anderen Seite ihren bösesten Alptraum aufzumalen. Schließlich sammelten sie die Blätter ein, um sie auszuwerten. Ich gab ihnen noch den Namen von dem Kleinen neben mir, mit der Bitte, da vielleicht doch noch etwas genauer hinzuschauen.

Ich schätze, unsere Handlungsmöglichkeiten im Elendsviertel sind begrenzt. Und doch gibt es gerade heute eine Weiterbildung für die Projektmitarbeiter, wie wir bei dem Verdacht auf sexuellen Missbrauch reagieren können. Denn das Thema wird auch in Argentinien sehr ernst genommen. Und – auch wenn es manchmal so wirkt – auch die Elendsviertel von Buenos Aires sind kein rechtsfreier Raum.

Drei Monate Ferien gehen vorbei

Das war das Ende des letzten Jahres. Heute, am neunten März, beginnen die Projekte wieder, denn die großen Sommerferien sind vorbei. Von Anfang Dezember bis Anfang März dauern die Schulferien in Buenos Aires. Im letzten Jahr etwas länger, da pünktlich zum Schulbeginn die Lehrer streikten. Dieses Projektjahr aber beginnt pünktlich mit einem Picknick auf dem Rasen eines der kleinen Fußballplätze im Viertel. Mit argentinischen Croissants – den im Vergleich zu französischen Croissants deutlich kleineren, fetteren und süßeren Medialunas – Sandwiches und deutschem Butterstreuselkuchen. Jedes Kind bekommt eine kleine Tüte mit Schulsachen als Willkommensgeschenk: Hefte, Buntstifte, Schere, Bleistiftanspitzer, Radiergummi.

Es wird schon kühler in Buenos Aires, der Herbst kündigt sich langsam an. Aber es ist immer noch sonnig. Und wir haben jede Menge neuer Ideen. Das neue Schuljahr wird spannend. Das steht jedenfalls schon einmal fest.

Lehren und Lieben in einem Elendsviertel – Buenos Aires 2015

Lehren und Lieben in einem Elendsviertel – Buenos Aires 2015

Diese Geschichte handelt von einem kleinen Jungen in Buenos Aires. Er heißt Ismael und hat es nicht ganz leicht. Ich werde keine Fotos von ihm posten. Stellen Sie sich ihn so vor: Er ist klein, sportlich, und er hat dickes schwarzes Haar, das strubbelig nach allen Seiten absteht. Seine Augen sind dunkel. Ismael wird im Sommer sehr schnell braun.

 

Chipá, chipá, chipaaaa! Vom Lehren und Lieben in einem Elendsviertel

Wütend funkelt er mich an

Dann dreht er sich um und zeigt den anderen Jungen im Raum, wer hier heute der Boss ist. Gerade bin ich durch die Tür des “Comedor” – einer Suppenküche – in einem der größten Elendsviertel von Buenos Aires getreten. Es handelt sich um ein kleines, unfertiges Haus, in dessen Erdgeschoss sich eine große Küche und ein kleinerer Raum mit Tischen und Stühlen befinden. Jeden Sonnabend versammeln sich hier zwischen zwölf und zwanzig Kinder, um gemeinsam zu spielen und zu frühstücken. Es gibt gekochten Mate und Vanillekekse. Es ist das, was unsere Organisation Voluntarios Sin Fronteras von den Spendengeldern gerade aufbringen kann. Und doch ist es manchmal mehr, als die Kinder zu Hause bekommen würden. Die Mütter sind glücklich, wenn sie morgens um zehn Uhr vor der schweren Eisentür stehen.

Viele Kinder kommen alleine zu uns. Ein Junge trägt seine kleine Schwester auf dem Arm. Oft stehen sie schon vor der Tür und rennen auf uns zu, um die Chance auf eine Extra-Knuddeleinheit zu nutzen. Wenn wir die Tür aufschließen und den Raum für die kommenden zwei Stunden herrichten, schlägt uns zunächst ein etwas abgestandener, fettiger Geruch entgegen. Die Inhaberin des Comedores ist eine ältere Frau, die mit ihrer Familie im gleichen Gebäude wohnt. Wo der Bereich für die Kinder aufhört und ihr Wohnbereich beginnt, habe ich nie herausgefunden. In den ersten drei Wochen schaut sie mich, die Frau mit dem starken Akzent, nur misstrauisch an. Doch als ich auch nach einem Monat immer noch dabei bin, gehöre ich zu denen, die gelegentlich mit einem Lächeln bedacht werden. Ein Ritterschlag.

Wir holen Papier und Buntstifte aus den Schränken, während sich der Raum mit Kindern füllt.

 

Der traurige Rabauke

“Habt ihr eure Hausaufgaben dabei?” Ismael gehört zu den Kindern, die nicht von ihren Eltern zum Comedor gebracht werden. Manchmal sehe ich ihn schon von Weitem, wenn er mit gesenktem Kopf und coolem Schritt durch die staubige Straße auf uns zukommt. “Der ist mit allen Wassern gewaschen.”, grummelt die Leiterin kurz, bevor sie sich wieder ihrer Arbeit zuwendet. Ismael ist neun.

Er freut sich nicht, wenn er durch die Tür kommt. Stattdessen knurrt er kurz und setzt sich an die äußerste Ecke des Tisches. Was los sei, frage ich ihn, doch er vergräbt seinen Kopf zwischen den Unterarmen. Nichts, kein Reden, kein Streicheln hilft.

“Du bist ja nur Peruaner”, höre ich ein kleines Mädchen zu einem Jungen sagen. Dessen schwarze Augen funkeln (ja, das können sie wirklich!).

“Ich bin Argentinier.”

“Du lügst ja, deine Eltern kommen aus Peru!”

“Aber ich bin hier geboren!”

“Du bist Peruaner.”

 

Die Villas von Buenos Aires

Informelle Siedlungen gibt es in aller Welt. In den Brasilien nennen sich die Elendsviertel Favelas, in Argentinien nennt man sie Villas Miserias oder einfach nur Villas. In den provisorischen Unterkünften in und um Buenos Aires leben schätzungsweise rund eine Million Menschen. Ungeklärte Eigentumsverhältnisse, fehlende Infrastruktur und praktisch keine staatliche Kontrolle bieten stattdessen Unterschlupf für kleine Drogen- und Waffenhändler, die sich die “Villeros” zur Kundschaft machen. Nicht selten betritt noch nicht einmal mehr die Polizei die namenlosen Straßen, von Feuerwehren und Rettungsdiensten ganz zu schweigen.

Etwa die Hälfte der Bewohner sind Argentinier. Unzählige Bolivianer, Peruaner und Einwanderer aus Paraguay stranden hier auf der Suche nach dem Glück, denn die argentinische Verfassung verspricht Gerechtigkeit, Freiheit und Wohlstand für alle, “… die auf argentinischem Boden leben wollen.” Viele kommen mit großen Erwartungen und halten sich zunächst mit einfachen Jobs über Wasser. Vor allem auf dem Bau oder im Reinigungsgewerbe hört man den fremden Akzent. Oft finden sie jedoch keine Arbeit. Manchmal wird ihnen unterstellt, nur auf eine kleine finanzielle Unterstützung aus zu sein, in vielen Fällen erhalten sie noch nicht einmal das. Im Westen der Hauptstadt gibt die Verwaltung jeden Tag für zwei Stunden den Zugang zur Mülldeponie frei, damit sich die Bewohner der dortigen Villa mit dem Nötigsten versorgen können. Doch ganz offensichtlich gibt es selbst unter den Gestrandeten noch immer solche, die – frei nach Orwell – die besseren Gestrandeten sind.

 

“Bayern München hat wieder gewonnen.”

Ismael spricht nicht mit mir. Aber er geht auch nicht, und so setze ich mich von nun an jeden Morgen neben ihn. Ich sage nichts, bin einfach nur da. Manchmal fünf Minuten, manchmal fünfzehn. Irgendwann beginnt der Kleine zu sprechen. Er wird mir nie erzählen, was gerade los war. Denn wir haben ein anderes Thema: Fußball. Ob der FC Bayern München denn auch mein Lieblingsverein sei? Sein Herz schlägt für La Boca, einen der zwei rivalisierenden Fußballclubs von Buenos Aires. Ich erfahre, dass in Ismael ein leidenschaftlicher Torwart steckt. Er malt tolle Bilder, auch für mich. Wir machen Selfies, er lacht. Doch wenn die anderen Kinder wieder von ihren Müttern abgeholt werden, wird er unruhig. Dann bricht er Streit vom Zaun, wird aggressiv und laut. Später zieht er alleine von dannen.

 

“Wir wissen doch, dass niemand, der in Armut geboren wird, die Universität besuchen wird.”

Diese Aussage wird die Ministerin der Provinz Buenos Aires, María Eugenia Vidal, erst Anfang 2018 später vor dem Rotary Club treffen. Doch schon bei der Wahl Ende 2015 zeichnet sich ab, dass die Zukunftsaussichten für die Kinder aus der Villa 31 nicht rosiger werden würden.

Die Projekte der Voluntarios sin fronteras verfolgen vorwiegend ein Ziel: Den Kindern in den Elendsvierteln so früh wie möglich ein Umfeld zu bieten, das ihnen Lust macht, sich zu entwickeln. Einen Blick über den Tellerrand zu werfen und die Chance zu sehen, irgendwann einmal aus dem Milieu heraus zu finden.

So holen wir die Kinder schon im Alter von drei bis vier Jahren in kleine Projekte. Hier lernen sie grundlegende Fähigkeiten wie Ordnung, Kreativität oder wie man sich gegen Übergriffe wehrt. Später unterstützen wir sie beim Schulbesuch. Schritt für Schritt gehen sie gemeinsam mit ihren Freunden durch die für ihr Alter passenden Projekte. Das Ziel ist, sie bis zum Abschluss des Gymnasiums zu führen, besser noch in das Vorbereitungsjahr der Universität. Die Tatsache, dass die aktuelle Regierung den Kindern wenig bis gar keine Chancen auf eine bessere Bildung einräumt, spornt uns erst recht an.

 

Das Essen ist fertig

Wir bereiten für die Kinder ein Frühstück vor. Es ist sehr einfach, doch in nicht wenigen Fällen ihre einzige Mahlzeit an diesem Tag. Sie vertrauen sich uns an, wenn sie zu Hause Schwierigkeiten haben, Gewalt erfahren. Keine leichte Situation, weswegen die Freiwilligen auch regelmäßig für solche Situationen geschult werden.

Unsere Projekte und Weiterbildungen finanzieren sich aus Spendengeldern. Manchmal organisieren wir kleine Veranstaltungen oder Gewinnspiele. Gelegentlich rufen wir auch größere Events ins Leben. Der Erlös aus den Eintrittskarten fließt direkt an die Organisation. In diesem Jahr veranstalten wir eine “Schlemmer-Party”. Freiwillige aus aller Welt verkaufen typische Gerichte aus ihrer Heimat, dazu gibt es Pizza, Musik und jede Menge Informationen über unsere Arbeit in Buenos Aires.

 

Eine kleine Hand

Elf Uhr. Ich gehe in die Küche um Mate aufzubrühen. Mate cocido ist ein einfaches Getränk, das vor allem Kinder gerne mögen. In unserem Projekt können sie sich nun von den Schulaufgaben entspannen und zum Spielen übergehen. „Tutti-Frutti“ zum Beispiel, die argentinische Version von Stadt-Land-Fluss, bei der sich Trauben kleiner Kinder um mich bilden, weil sie Mitleid mit mir haben. Wir basteln Musikinstrumente aus Plastikflaschen und Sojabohnen. Oder wir zeichnen eine Landkarte, schreiben die Hauptstädte der Regionen hinein und malen die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten Argentiniens dazu.

Gerade will ich die Vainillas auf die Teller legen, da spüre ich eine Hand in meiner. “Wo warst du letzten Sonnabend?”, fragt mein kleiner, cooler Ismael ganz leise, als es niemand sieht. Wir drücken uns sehr lange.

Das war eines unserer letzten Treffen. Erst knapp drei Jahre später sah ich Ismael wieder und traute meinen Augen kaum. Doch das ist der Stoff für die nächste Buenos-Aires-Geschichte….

Die Schulferien in Buenos Aires dauern von Dezember bis Anfang März des nächsten Jahres. In dieser Zeit ruhen viele Nachhilfeprojekte der Voluntarios Sin Fronteras. Ich nutze diese Zeit, um euch nach und nach von unserer Arbeit zu erzählen. Denn ab März, wenn es wieder losgeht, werdet ihr live dabei sein können.